Programm

Donnerstag, 7. Dezember
ab 17:30Get Together, Foyer Künstlerhaus Hannover
18:00Grußworte durch Thomas Bischoff, Heinz Sielmann Stiftung
Filmeinführung durch Prof. Michael Sutor, Hochschule Hannover
18:30Screening „Herrscher des Urwalds“ (Heinz Sielmann, 1958)
20:15Screening „More than Honey“ (Markus Imhoof, 2012)
Freitag, 8. Dezember
10:00Begrüßung der Teilnehmer/-innen und Gäste
Prof. Dr. Josef von Helden, Präsident Hochschule Hannover
Prof. Dr. Martin Scholz, Dekan Fakultät III, Hochschule Hannover
Dr. Andreas Lindemann, Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung
Moderation: Constanze von Witzleben
10:45Prof. Michael Sutor, Hochschule Hannover
Das Frühwerk von Heinz Sielmann – eine filmanalytische Näherung
11:15Prof. Dr. Christoph Klimmt, IJK Hannover
Was fasziniert das Publikum an Wildlife Documentaries? Medienpsychologische Spekulationen
11:45Kaffeepause
12:00Johann Kroier, M.A., Humboldt Universität Berlin
Musikdesign für Naturfilme: wahrnehmungspsychologische und ästhetische Überlegungen
12:30Rückfragen und Diskussion mit
Michael Sutor, Christoph Klimmt und Johann Kroier
13:00Mittagspause
14:00Gerlinde Waz, M.A., Deutsche Kinemathek, Berlin
Die berühmteste Biene der Welt: Klein, frech und schlau. Biene Maja – eine filmhistorische Betrachtung.
14:30Dr. Werner von der Ohe, LAVES Institut für Bienenkunde Celle
Der Beitrag des Tier-/Dokumentarfilms zur Lösung des Problems „Bienensterben“
15:00Rückfragen und Diskussion mit
Werner von der Ohe und Gerlinde Waz
15:30Dipl.-Biol. Jörn Röver, Doclights
Tierfilm 2.0 – Die Zukunft eines TV-Dinosauriers
16:00Prof. Dr. Kerstin Stutterheim, Bournemouth University
Von der Natur erzählen – Beobachtungen zur Dramaturgie in Tierfilmen
16:30Kaffeepause
17:00Rückfragen und Diskussion mit
Jörn Röver und Kerstin Stutterheim
17:15Podiumsdiskussion: Naturfilm – quo vadis?
18:00Pause
19:00Screening Uraufführung „Magie der Fjorde“ (51‘, Jan Haft/Doclights, 2017)
Filmemacher Jan Haft ist anwesend, mit anschließender Fragerunde
20:15Screening Uraufführung „Weiße Wölfe“ (AT, 45‘, Doclights, 2017)
Die Produzenten des Films sind anwesend, mit anschließender Fragerunde
21:30Screening Making-of „Weiße Wölfe“ (45‘, Doclights, 2017)
22:15Gemeinsamer Ausklang in einer Cocktailbar im Stadtzentrum

Kurzinhalt der Vorträge am Freitag, 8. Dezember

 

10:45 Prof. Michael Sutor, Hochschule Hannover

Das Frühwerk von Heinz Sielmann – eine filmanalytische Näherung

Die frühen Schaffensjahre von Heinz Sielmann zeichnen sich aus durch eine Reihe Naturfilm-Produktionen, in denen der Regisseur systematisch seine Handschrift entwickelt.

Durch die filmischen Erfahrungen in den Kriegsjahren vermochte Sielmann nahtlos an die Praxis anzuknüpfen und begann bereits 1947 mit der Umsetzung einer Kinoproduktion. Sein Ziel war es, die Landsleute für die Natur zu sensibilisieren.

Mit Hilfe einer Reihe von Kamera- und Tonleuten schuf der Filmemacher in den fünfziger und sechziger Jahren Filmdokumente, die im Vortrag von Michael Sutor in den Fokus der Filmanalyse genommen werden. 50 Jahre vor der Einführung des Begriffs „Storytelling“, arbeitete Heinz Sielmann intuitiv mit Geschichten von Tieren rund um die Welt und zog ein Millionenpublikum in den Bann.

 

11:15 Prof. Dr. Christoph Klimmt, IJK Hannover

Was fasziniert das Publikum an Wildlife Documentaries?

Medienpsychologische Spekulationen

Die Kommunikationswissenschaft hat erst spät begonnen, sich dafür zu interessieren, wie und warum das Publikum sich unterhaltsamen Medienangeboten zuwendet. Als Folge gibt es – gemessen am Publikumserfolg solcher Angebote – nach wie vor deutlich zu wenig theoretische und empirische Forschung zum unterhaltsamen Mediengebrauch, auch und gerade zu Natur- und Tierfilmen. Der Vortrag wendet das Theorieinventar der medienpsychologischen Unterhaltungsforschung an, um (begründete) Spekulationen darüber anzustellen, was das Publikum an Wildlife Documentaries so dauerhaft und nachhaltig fasziniert. Eine Betrachtungsebene bezieht sich auf konkrete Episoden in einzelnen Sendungen, die Elemente des filmischen Erzählens beinhalten. An solchen (Mini-)Geschichten – mit tierischen Protagonisten – nimmt das Publikum emotionalen Anteil, typische Gefühlsreaktionen stellen sich ein, die etwa bei Rezipienten von Krimis oder Sportsendungen gut erforscht sind: Spannung, Interesse, Neugier. Auf einer zweiten Betrachtungsebene erweisen sich Wildlife Documentaries als „eudaimonische“ Unterhaltung, die dem Publikum jenseits des Spannungsmoments Achtsamkeit, Sinn- und Glückserfahrungen stiftet. Vor diesem Hintergrund wird der gesellschaftliche Stellenwert des Genres weit über die dokumentarische Funktion hinaus diskutiert.

 

12:00 Johann Kroier, M.A., Humboldt Universität Berlin

Musikdesign für Naturfilme:

wahrnehmungspsychologische und ästhetische Überlegungen

Eine Selbstverpflichtung des Naturfilms auf wissenschaftliche Seriosität hat zur Folge, dass bei der Verwendung musikalischer Gestaltungselemente die analoge Frage nach Kriterien für künstlerische Seriosität auftaucht. Diese ist heute nicht mehr durch pauschale Referenz auf den Code „ernster“ Musik zu beantworten, vielmehr besteht die Herausforderung darin, jenseits der Beliebigkeit Formen ästhetischer Plausibilität zu finden, die intersubjektiv nachvollziehbar sind. Dabei steckt die relativ unspezifische Zielgruppe des Naturfilms den Rahmen für eine weitgehend nichtidiomatische Verwendung musikalischer Mittel, während die Erfordernisse des audiovisuellen Kontexts an Funktionalität im Sinne von Aufmerksamkeitslenkung eine eher minimalistische Ausrichtung zur Vorgabe machen. In der Praxis intervenieren oft auch gut gemeinte „musikfremde“ Gestaltungsvorschläge aus den Höhen des Produktionsapparats, mit denen dann praktisch und argumentativ umgegangen werden muss.

Die Frage, wie unter diesen Bedingungen funktionales Musikdesign für Naturfilme realisierbar ist, lässt sich sicherlich nicht aus den technischen Mitteln heraus beantworten, die mittlerweile in nahezu unüberschaubarem Maß zur Verfügung stehen – als historisches Lehrstück kann da auf die Erfahrungen des BBC-Radiophonic Workshop verwiesen werden. Stattdessen ist zu untersuchen, inwieweit diese Frage heute wissenschaftlich bearbeitbar geworden ist: Hier ist nicht nur eine interkulturell reflektierte Ästhetik gefordert – besonders dort, wo Naturschauplätze in fernen Ländern an postkoloniale Kontexte erinnern. Die empirische Praxis der Klanggestaltung selbst und ihre beginnende Theoretisierung in Sound Design und Sound Studies bieten Ansatzpunkte, um die Wahrnehmungspsychologie synästhetischer Entsprechungswirkungen und die sonische Relation von Musik und O-Ton zu erforschen. Und schließlich ist die fundamentale Frage, was Natur eigentlich mit Musik zu tun hat, an Kultur- und Medienwissenschaften zu richten. Von da aus wären dann Konventionen des Genres wie etwa Tendenzen zur „Vermenschlichung“ oder emotionalen Dramatisierung von Natur zu hinterfragen.

 

14:00 Gerlinde Waz, M.A., Deutsche Kinemathek, Berlin

Die berühmteste Biene der Welt: Klein, frech und schlau.

Biene Maja – eine filmhistorische Betrachtung.

Die Biene im Spiel- und Animationsfilm ist ein Insekt, das in der Regel für Ordnung und einen gut funktionierenden Staat steht. Deshalb eignen sich Geschichten über Bienen hervorragend für die Erziehung von Kindern zu wertvollen Staatsbürgern. Die berühmteste Story ist „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“, vom Autor Waldemar Bonsels 1912 geschrieben und bereits 1926 von ihm und Wolfram Junghans zum ersten Mal verfilmt. Die anthropomorphisierten Insekten, die lernen müssen, sich in ihre Gemeinschaft zu integrieren, werden von realen Bienen dargestellt – ganz anders als die Bienen in der japanisch-deutschen Zeichentrickserie 50 Jahre später (ZDF 1975-1980) und deren Neuauflage als computeranimierte 3D-Serie (ZDF 2013 und 2017). Interessant sind hier Fragen nach der Darstellung der Bienen im zeitlichen Kontext, wie sich die Figur verändert hat und ob die Geschichten noch irgendetwas mit dem Insekt selber zu tun haben, so wie etwa in dem preisgekrönten Dokumentarfilm „More than Honey“ (CH/D/AU, 2012) von Markus Imhoof dargestellt. Er zeigt, wie rasant das Bienensterben weltweit voranschreitet.

 

14:30 Dr. Werner von der Ohe, LAVES Institut für Bienenkunde Celle

Der Beitrag des Tier-/Dokumentarfilms zur Lösung des Problems „Bienensterben“

Über 60 % der Wildbienenarten sind in Deutschland bedroht und bei Honigbienenvölkern sind immer wieder erhebliche Überwinterungsverluste zu verzeichnen. Viele Wildbienenarten haben sehr spezifische Ansprüche an ihren Lebensraum. Honigbienen haben ein ausgefeiltes Sozialsystem entwickelt und sogar anstelle einer Ausdehnung der Immunkompetenz ihr Sozialverhalten weiterentwickelt. Kann der Tierfilm diese komplizierten Sachverhalte richtig vermitteln? Helfen von Tier- und Dokumentarfilmen vermittelte Informationen, dass die Umweltbedingungen für Bienen verbessert und ihr Fortbestand gesichert werden? Anhand von drei Filmbeispielen wird gezeigt, wie förderlich, aber auch wie kontraproduktiv Filme sein können.

  

15:30 Dipl.-Biol. Jörn Röver, Doclights

Tierfilm 2.0 – Die Zukunft eines TV-Dinosauriers

Eines der beliebtesten Dokumentargenres gerät im Zuge der Digitalisierung unter Druck: Wie schaut eine künftige Mediengeneration Natur- und Tierthemen? Noch als 45-Minuten Langformat oder in Fünfminutenhäppchen, im Abenteuerlook oder als Slow TV-Bildtapete? Die Doclights hat als Deutschlands größter Tierfilmproduzent vor gut einem Jahr die VoD-Plattform „TIERWELT live“ gelauncht – zunächst fürs Smart TV und inzwischen auch online geräteunabhängig. Dabei wird die komplette Palette an Themen und Genres in verschiedenen Kategorien abgebildet, einschließlich eines linearen Livestreams. Wie sind die ersten Erfahrungen mit den TV App-, Computer- und Handynutzern? Hat der klassische Tierfilm hier eine Zukunft oder scheidet er mit den TV-Zuschauern der Vergangenheit dahin?

 

16:00 Prof. Dr. Kerstin Stutterheim, Bournemouth University

Von der Natur erzählen – Beobachtungen zur Dramaturgie in Tierfilmen

Die Natur beobachten und von ihr erzählen – aber wie? Interviews mit oder Lebenserinnerungen der Protagonisten können in diesen Filmen nicht als zentrales Mittel eingesetzt werden, um eine narrative Logik herzustellen. Welche dramaturgischen Mittel können also genutzt werden? Es haben sich Erzähltraditionen herausgebildet, in denen man entweder auf das visuelle Erzählen und die Kraft der Beobachtung faszinierender Natur vertraut oder diese interpretiert und von ihr erzählt. An ausgewählten Beispielen werden unterschiedliche dramaturgische Traditionen des Natur- und Tierfilms vorgestellt und diskutiert.

Die Referenten

 

Prof. Dr. Christoph Klimmt ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Unterhaltsamer Mediengebrauch an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung. Weitere Arbeitsgebiete umfassen Medienrezeption und Medienwirkungen, mobile Online-Kommunikation sowie Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Johann Kroier, M.A., ist Doktorand an der Humboldt Universität Berlin, Institut für Kulturwissenschaft. Seine Promotion befasst sich mit dem Thema „Archäologie des nicht-pythagoreischen Klangs“ (Disputation abgeschlossen). Außerdem ist er Komponist und kulturwissenschaftlicher Autor. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die historische Kulturwissenschaft der Musik, Klang- und Medienphänomenologie sowie die interkulturelle Philosophie.

Dipl.-Biol. Jörn Röver ist Geschäftsführer der Doclights GmbH, TV-Produzent der NDR-Tierfilme („Expeditionen ins Tierreich“, „Erlebnis Erde im Ersten“). Darüber hinaus ist er Betreiber der Video on Demand-Plattform „TIERWELT live“.

Prof. Dr. Kerstin Stutterheim ist Professor for Media and Cultural Studies sowie Director des Centers for Film & TV Research an der Bournemouth University. Von 2006 bis 2015 war sie Professorin für Dramaturgie und Ästhetik an der Filmuniversität (HFF) Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Darüber hinaus lehrt sie als Gast oder fungiert als external expert an Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit. Sie publiziert breit über Filmdramaturgie sowie dokumentarischen Film. Sie ist ebenfalls Filmemacherin und Produzentin, Dramaturgin sowie Mitglied der Deutschen Filmakademie. Für mehr Informationen: orcid.org/0000-0002-5243-616X

Prof. Michael Sutor ist Professor im Bereich Fernsehjournalismus an der Fakultät III – Medien, Information und Design der Hochschule Hannover. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in den Bereichen Mediendesign, Kamera, Schnitt/Montage, Filmanalyse und Studioproduktion.

Dr. Werner von der Ohe ist Leiter des Instituts für Bienenkunde Celle (Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Honigbienen im Umweltmonitoring, Bienenpathologie, Auswirkung von Pflanzenschutzmitteln auf Bienen, Bienenphysiologie und -ernährung sowie Bienenprodukte, insbesondere Pollen und Honig.

Gerlinde Waz, M.A., ist Kuratorin an der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin. Sie studierte Kommunikationswissenschaften (Publizistik), Ethnologie und Visuelle Anthropologie an der FU Berlin. Ausstellungen, u.a. „Die Kommissarinnen“, „Fernsehen macht glücklich“, „Loriot. Die Hommage“, zuletzt „Things to come“. Medienprogramme und Installationen für Ausstellungen der Deutschen Kinemathek und andere Museen, zudem Publikationen als Autorin und Co-Herausgeberin.